Muttertag oder Die gelungene Flucht vor der „Zwangsbeglückung“…

Es riecht nach verbranntem Toast. Mir egal, ich dreh mich in meinem warmen Bett einfach noch mal um. Etwas klirrt, Flüche werden ausgestoßen. Der Hund jault ganz erbärmlich, jemand ist ihm in der Hektik bestimmt auf den Schwanz getreten. Peng! In der Mikrowelle findet eine Explosion statt. Was um zum Teufel ist heute nur los?

Ein fürchterlicher Gedanke schießt mir plötzlich in mein noch schläfriges Gehirn – heute muss der anstrengendste und verdrehteste Tag des Jahres sein, nämlich Muttertag!

Mir bricht der Schweiß aus, als sich Erinnerungen ihren Weg bahnen. Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf und spiele unsichtbar – vielleicht vergessen sie mich einfach und ich darf den Tag zufrieden im Bett verbringen? Plötzlich schiebt sich eine kleine und äußerst klebrige Hand unter die Decke. In meine Rippen bohrt sich ein Finger. „Mamilein, schläfst Du noch?“. Ich bekomme Gänsehaut, denn ich heiße nie Mamilein. Wenn, dann nur in Katastrophenfällen als Vorsichtsmaßnahme! „Gibt leider keine Eier und keinen Toast, aber dafür sucht Papa gerade was aus der Tiefkühltruhe“ säuselt die Tochter. Oh Gott, jetzt weiß ich also, was vorhin in der Mikrowelle explodiert ist. Dazu kommt, dass der liebe Ehemann jetzt gerade in meiner unordentlichen Kühltruhe wühlt und sicherlich etwas von 1999 herausfischt…

Eigentlich möchte ich jetzt laut und bestimmt sagen: „Will nix essen, will nicht gut gelaunt sein müssen, will nur meine Ruhe!“. Aber ich brummle nur „komme gleich“. Das Kind poltert die Treppe hinunter und brüllt dabei: „Sie ist wach!“. Das klingt eindeutig wie ein Schlachtruf, oder?

Nach dem (wenig magenfreundlichen, aber dafür sehr lustigen) Frühstück werde ich auf die Terrasse verfrachtet. Ich soll mal schön „relaxen“. Ich bin zwar sehr dankbar für die frische Luft (das halbgefrorene Frühstück in meinem Bauch beginnt nun doch etwas zu rumoren…), hege aber trotzdem misstrauische Gedanken. Sie beseitigen jetzt bestimmt gerade die Schäden der morgendlichen Aktion. Oha, nun vernehme ich scheußlich schabende Geräusche – alles klar, sie malträtieren das teure Cerankochfeld. Langsam aber sicher stellen sich mir die Nackenhaare auf und erste Fluchtgedanken nehmen Gestalt an. Ich fange an zu philosophieren: Warum? Warum nur habe ich mich nicht rechtzeitig bei der örtlichen Kaffeeklatschgruppe für den traditionellen Muttertagsausflug angemeldet? Diese Damen entfliehen bereits im Morgengrauen und kehren erst spät abends zurück, wenn alle Gefahr gebannt ist. Sehr klug. Warum ruft an solchen Tagen nie mein Chef an, um mich sofort zur Arbeit zu zitieren? Und warum gibt es keine Demos für Frauen, die diesen Tag durchschaut haben und auf die Straße gehen?

Ich habe plötzlich eine schaurig schöne Vision: Mutter- und Vatertag werden offiziell in einen gemeinsamen „Elterntag“ umgewandelt. An diesem Tag sind keine Personen unter 18 Jahren im Haushalt geduldet und die Küche bleibt selbstverständlich kalt. Wo die Kinder sind? Mir egal, ist ja nur eine Vision. Der Vater bekommt kostenlos eine Doppel-DVD mit aktuellen Sportereignissen, dazu wird für den Elterntag traditionell eine Live-Übertragung der Formel 1 angesetzt. Männer dürfen sich natürlich auch beim Nachbarn zusammenrotten. Für die Damen läuft ein 3-Stunden-Special „Sex and the City“ oder auch ein Pilotfilm mit George Clooney. Dazu erhält jede Damenrunde kostenlose Probepackungen der neusten Kosmetikprodukte zum hemmungslosen Einbalsamieren. Serviert wird Sekt und Kaffee, evtl. von einem (attraktiven und kinderlosen) Studenten. Nun ja, vielleicht etwas übertrieben – der Sekt muss ja nicht unbedingt sein…

Ätsch! Brutal werde ich aus meinem Tagtraum geweckt! Mann und Kind stehen vor mir und grinsen dümmlich. Die Tochter fragt vorsichtig, ob sie mit dem Fahrrad zur Freundin fahren darf. Aber gerne doch, mein Schätzelchen! Erleichtert zischt sie davon. Der Mann schleicht dann mehrmals orientierungslos um meinen Gartenstuhl und tritt von einem Fuß auf den anderen. Ab und zu schaut er mir flehend in die Augen. Aha, ich verstehe – er möchte sich höflich abmelden. Gönnerhaft winke ich ab, ganz die zufriedene Mutter. Blitzschnell ist er verschwunden und ich vernehme dann ein monotones Sirren aus dem Wohnzimmer. Ich kann es nicht fassen – der heilige St. Mutterius (oder wer auch immer für Mütter zuständig ist) hat mich tatsächlich erhört! Ein Hoch auf alle Vettels und Schumis dieser Welt. Ich bin frei – Badezimmer ich komme! Schnell rufe ich noch meine Freundin an, lege die Clooney-DVD bereit und freue mich auf den inoffiziellen Teil des Muttertags. Vielleicht hatte diese Muttertagserfinderin aus England (ihres Zeichens Frauenrechtlerin!) im Jahre 1907 ja auch eine tolle Vision, die nur völlig falsch interpretiert wurde…

Ich glaube fest daran!

(Karin Wild)

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